medienhaus.com > Allgemein > “Explosionsgefahr im Netz”

“Explosionsgefahr im Netz”

14. Dezember 2009

Prof. Peter Kruse prophezeit beim Zukunftsforum der hessischen Landesanstalt für Medien die bevorstehende Revolution der Gesellschaft durch die Netzwerke.

Wer immer noch glaubt, dass sich nichts ändern wird und das auch glauben will, sollte hier aufhören zu lesen. Für alle Fans der Evolution dürften die Worte von Prof Peter Kruse Labsal sein. Denn er – Psychologieprofessor, Netzwerkanalysator, Querdenker und selber 54 Jahre alt – predigt eine nahezu unabwendbare Revolution unserer Gesellschaft durch die sozialen Netzwerke. „Heute bereits staunen wir nur so über die Steigerungsraten in Sachen User, Verweildauer und Tweets in den Networks, doch glauben Sie mir, das ist erst der Anfang“. Und dennoch sei es bereits jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis zum ersten Kollaps, denn: „Das Netz wird explodieren“, ist Kruse überzeugt. Was er damit meint? Der Professor erklärt es netzwerktheoretisch: Wenn die Anzahl der Beteiligten in diesen Netzwerken weiter zunehmen und gleichzeitig die einzelnen Verbindungen immer dichter werden, steigt die Komplexität und die Dynamik exponentiell. Derzeit werden in Deutschland 240 Tweets pro Stunde versandt, 5.760 pro Tag an durchschnittlich 250 Follower, macht in Summer eine Tagesreichweite von 1,5 Millionen Menschen. „Schauen Sie sich die drei Top-Twitterer derzeit an – sie haben zusammen mehr Follower als Österreichische Einwohner. Wenn jetzt jeder deren Tweets weiterleitet, ist die Geschwindigkeit nicht mehr aufzuhalten, es herrscht Explosionsgefahr“, prophezeit Kruse und warnt: „Wer so eine Lunte am Glimmen hält, sollte auch wissen, wo das trockene Pulver liegt“.

Tendenz zur Selbstaufschaukelung

Harmlose Statusmeldungen dürften hier nicht das Problem werden. Wenn sich aber auf diese Weise ein Bürgerprotest formiert, sieht die Sache schon anders aus. Früher wurden Protestkundgebungen auf Geldscheinen geschrieben und die Vernetzung des Geldes genutzt, um die eigene Meinung zu potenzieren. Da hatten Regierungen zumindest noch die Chance, die Noten aus dem Verkehr zu ziehen – wie im Iran versucht wurde. „Das Netzwerk und seine Tendenz zur Selbstaufschaukelung, das kann man nicht einfach ausschalten“, so Kruse.

Und das allerwichtigste: Mittlerweile greifen viele Online-Aktivitäten bereits in reale Prozesse unserer Gesellschaft ein. Als Beweis lieferte der Organisationspsychologe einige Beispiele: Der Versuch von Jack Wolfskin, einem Bastlerverein die Nutzung ihrer Pfote zu untersagen, zog nicht nur wütende Online-Proteste nach sich, sondern erheblichen Imageschaden für den Outdoor-Ausrüster. Am 17. Oktober stand die Sache erstmals in der Zeitung, am 20. Oktober war es Nummer eins bei Twitter. Oder: Zensursulas Internetsperre rief binnen weniger Tage 134.00 Unterzeichner einer Online-Petition auf den Plan. Und schließlich: Die Studentenproteste in Deutschland und Österreich – organisiert im Web ohne hierarchische Strukturen, ohne jeglichem Anführer und Führungsanspruch und ohne Unterstützung der klassischen Medien. „Sowas ist doch nicht mehr zu kontrollieren“, warnt Kruse, „sowas sollte aber auch keiner kontrollieren können“.

Gesetz der Resonanzfähigkeit

In seinen Augen sind das Beispiele für einen „ernstzunehmenden gesellschaftlichen Exkurs in Sachen Machtverschiebung, eine Kampfansage ans Establishment“, wie ein Zitat von Twitterer Max Winde bestätigt: „Ihr werdet Euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen“. Laut Kruse verschiebe sich die Macht zusehends vom Angebot in Richtung Nachfrage, vom Unternehmen zum Konsumenten, ein Paradigmenwechsel, bei dem das Web ein Teil des neuen demokratischen Entscheidungsprozesses sei - allerdings einem bestimmten Gesetz folgend: Resonanzfähigkeit. „Wenn das Netz etwas will, setzt es sich durch – nicht weil jemand mächtig sein will, sondern aufgrund der hierarchielosen Resonanzmacht in Form von freier Organisation. Die Resonanzfähigkeit ist der potentielle Sprengstoff“. Laut Kruse schaffe sich das Web damit seine Qualität selber, die Netzwerke arbeiten sich in der Maslowschen Bedürfnispyramide selber nach oben und verabschieden sich von Sex&Crime.

Und wer jetzt glaubt, das alles sei nur die Spielwiese der„digital natives“, auch dem nimmt der Prof den Wind aus den Segeln: „Das Netzwerk ist keine Frage des Alters. Es ist eine Einstellungsfrage,“. Es ist eine Frage, inwieweit die Menschen, die Firmen und die Politik bereit sind, sich von hierarchischen Mustern zu verabschieden und durch gemeinsame Ideenfindung den Prozess vorantreiben. „Es ist der Zeitgeist, der die Möglichkeit der Partzipation erzwingt“, meint Kruse.

Quelle: Horizont.at (Doris Raßhofer)